
Pier Paolo Pasolini wurde 1922 in Bologna geboren und zog während seiner Kindheit mehrmals um, da sein Vater häufig den Wohnort wechselte. 1950 ließ er sich in Rom nieder (die Stadt, die zu seiner Wahlheimat werden sollte), und lebte zunächst im Stadtteil Ponte Mammolo. Ab 1954 zog er in das Viertel Monteverde, wo er zunächst in der Via Fonteiana Nr. 86 und anschließend in der Via Carini Nr. 45 wohnte und dort Freundschaft mit der Familie Bertolucci schloss; ab 1963 bis zu seinem Tod wohnte Pasolini im EUR in der Via Eufrate Nr. 9.
Als vielseitiger und eklektischer Intellektueller verkörpert Pasolini die Zerrissenheit der politischen und kulturellen Umbrüche im Italien des 20. Jahrhunderts und gilt als einer der umfassendsten und produktivsten Künstler dieser Zeit. Als Liebhaber aller Kunstformen und unermüdlicher Experimentator mit Techniken und Ausdrucksformen war er Dichter, Schriftsteller, Journalist, Regisseur, Drehbuchautor, Dramatiker und Übersetzer. Pasolini wurde zwar geschätzt und mehrfach ausgezeichnet, aber wegen seiner nonkonformistischen und kritischen Ansichten gegenüber einer bürgerlichen und klassistischen Gesellschaft auch heftig kritisiert und vor Gericht gestellt. Mit seinem Blick für die Bescheidenen schilderte er auch die schmerzhaften Aspekte des Lebens der am stärksten benachteiligten Schichten und wählte seine Darsteller aus dem einfachen Volk aus, deren Gesichter harte Züge aufweisen und die Spuren der täglichen Mühen tragen. Er war fasziniert von Dialekten, einer Ausdrucksform der Sprache, die reich an Bedeutungen ist. In den 1950er Jahren begann er im Filmgeschäft zu arbeiten, zunächst als Drehbuchautor und dann als Regieassistent von Fellini und Bertolucci.
Seine ersten Filme, „Accattone“ (1961) und „Mamma Roma“ (1962) – mit einer unvergesslichen Anna Magnani in der Hauptrolle, der erstmals auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig gezeigt wurde –, waren ein großer Erfolg. Im folgenden Jahr wurde der mittellange Film über die Passion Christi, „Der Weichkäse“, eine Episode aus „Ro.Go.Pa.G.“, wegen Verunglimpfung der Staatsreligion zensiert. Anschließend arbeitet er an Dokumentarfilmen wie „La rabbia“ (1963), „Gastmahl der Liebe“ (1964) und „Ortsbesichtigungen in Palästina“ (1964), für den er die Orte der Predigten Christi bereist, um die ideale Kulisse für „Das 1. Evangelium – Matthäus“ (1964) zu finden. Der Film erhält zahlreiche Auszeichnungen: den Silbernen Löwen in Venedig, den OCIC-Preis (Office Catholique International du Cinéma), den Nastro d’argento in Taormina und wird 1967 für drei Oscars nominiert.
Auch „Große Vögel, kleine Vögel“ (1966) mit Totò und Ninetto Davoli in den Hauptrollen erntet großen Erfolg bei den Kritikern. Es ist ein Film, den Pasolini sehr liebt und der zwei „Nastri d’argento“ sowie eine besondere Erwähnung bei den Filmfestspielen von Cannes erhält. Seine Filmkarriere verläuft bis zu seinem Tod, der unter tragischen Umständen am 2. November 1975 eintritt, weiterhin sehr intensiv. Zu den letzten Filmen des Künstlers zählen jene der sogenannten „Trilogie des Lebens“: „Decameron“ (1971) (Goldener Bär in Berlin 1972), „Pasolinis tolldreiste Geschichten“ (1972) und „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“ (1974) (Großer Preis der Jury in Cannes).
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Stadtzentrum
Auf der ständigen Suche nach der wahren Seele der Stadt ließ Pasolini seine Filme vor allem in den Vororten und Arbeitervierteln spielen. In seiner umfangreichen Filmografie fehlen jedoch nicht die ikonischen Schauplätze Roms, wie das Kolosseum und die Tiberuferpromenade oder die Arbeiterviertel Monti und Trastevere.
Kolosseum
„Die Erde vom Mond aus gesehen“. Episode aus dem Film „Hexen von heute“ (1967)
Von Gier getrieben, verleitet Ciancicato Miao (Totò) im Einvernehmen mit seinem Sohn (Ninetto Davoli) die frisch vermählte Assurdina (Silvana Mangano) dazu, einen Selbstmordversuch vorzutäuschen. Die Farce endet tragisch mit dem Tod von Assurdina, die auf einer Bananenschale ausrutscht und von einem Torbogen des Kolosseums stürzt.
Via Nazionale
„Die Geschichte einer Papierblume“. Episode aus dem Film „Liebe und Zorn“ (1969)
Der junge Riccetto (Ninetto Davoli) macht sich von der Piazza della Repubblica aus auf zu einem unbeschwerten Spaziergang durch die belebten Straßen der Altstadt von Rom und schlendert fröhlich die Via Nazionale entlang, wobei er tanzt und mit Passanten plaudert.
Rione Monti
„Accattone“ (1961)
Das Rione Monti, damals ein Arbeiterviertel, umgeben von den Sehenswürdigkeiten der historischen Stadtzentren, ist Schauplatz der Szene, in der Vittorio Cataldi, genannt Accattone (Franco Citti), versucht, sich zu rehabilitieren, indem er in der „Casa della serranda“ in der Via Baccina nach einer ehrlichen Arbeit sucht. Die Kamera richtet sich schließlich auf den Arco de’ Pantani mit seinem Blick auf die Kaiserforen.
Rione Trastevere
„Accattone“ (1961)
Auch für die Szenen, die in der Altstadt von Rom gedreht wurden, bevorzugt Pasolini die Arbeiterviertel wie Trastevere. Hier, in der Via San Michele, mit Blick auf die Piazza di Santa Cecilia und das Portal der Kirche, versuchen der Protagonist und seine Komplizen vergeblich, einen Diebstahl zu begehen.
„Mamma Roma“ (1962)
Begleitet von Biancofiore (Luisa Loiano), beobachtet Sora Roma (Anna Magnani) ihren Sohn Ettore (Ettore Garofolo), während er als Kellner in einem Restaurant der Piazza dei Mercanti arbeitet. Der Schauspieler wurde von Pasolini gerade in einem Restaurant entdeckt und für den Film ausgewählt, da seine Gesichtszüge das Aussehen des römischen Unterproletariats perfekt verkörperten.
Porta Portese
„Mamma Roma“ (1962)
Auf dem malerischen Markt von Porta Portese verkauft Ettore (Ettore Garofolo) Gegenstände seiner Mutter, die er heimlich mitgenommen hat, um etwas Geld zusammenzukratzen. Im Hintergrund erkennt man die Fassade des Komplexes San Michele a Ripa Grande, in dem sich das Jugendgefängnis befand.
Ponte Sant'Angelo
„Accattone“ (1961)
Die monumentale Brücke über den Tiber bildet die Kulisse für die Euphorie von Accattone (Franco Citti). Nach dem üppigen Mahl auf dem Lastkahn „Dar Ciriola“ in der Nähe der Engelsburg springt der Protagonist aufgrund einer Wette ins Wasser.
Ponte Mazzini
„Accattone“ (1961)
Der unruhige Protagonist versucht, Selbstmord zu begehen, indem er sich von dieser Brücke stürzt, nachdem er versucht hatte, Stella (Franca Pasut) zur Prostitution zu verleiten.
Cimitero Monumentale del Verano
„Accattone“ (1961)
Die Blumenstände, die an die mächtigen Mauern des Friedhofs gelehnt sind, säumen noch heute dessen Umfang, genau wie zu der Zeit, als der Protagonist von „Accattone“ beim Spaziergang mit seinen Kumpanen gefilmt wurde.
Pigneto
Das Pigneto, heute ein lebhaftes, junges und multiethnisches Viertel, war in den 1960er Jahren noch ein Arbeiterviertel am Rande Roms. Die volkstümliche Atmosphäre zog viele Meister des italienischen Neorealismus an, und Pasolini beschloss, den Großteil der Szenen von „Accattone“ hier anzusiedeln. Eine Verbindung, die bis heute durch zahlreiche Street-Art-Werke gewürdigt wird, die dem Künstler entlang der Straßen des Pigneto gewidmet sind.
Via Fanfulla da Lodi
„Accattone“ (1961)
An den Tischen der Bar Necci (die in Wirklichkeit in einem alten Laden etwas weiter entfernt nachgebaut wurde) sitzen Accattone (Franco Citti) und seine Kumpels und verbringen ihre Tage damit, entlang jener Straße herumzulungern, die Pasolini selbst als „eine arme, bescheidene, unbekannte Gasse, verloren unter der Sonne, in einem Rom, das nicht Rom war“ bezeichnete.
Via Ettore Giovenale
„Accattone“ (1961)
Hier steht das Haus von Accattone (Franco Citti), eine bescheidene Hütte, wie sie für die Vororte jener Zeit typisch war.
Nuovo Cinema Aquila
Dieses Kino, das neben populären Filmen auch experimentelle Werke und verschiedene Filmreihen zeigt, hat einen seiner Säle nach Pier Paolo Pasolini benannt. Es finden zahlreiche Vorführungen und Diskussionen statt, die dem Autorenfilm gewidmet sind.
Rione Testaccio
In diesem äußerst lebhaften historischen Rione, der von Zeugnissen der Antike, Industriegebäuden und monumentaler zeitgenössischer Architektur geprägt ist, spielen sich die letzten dramatischen Szenen des Films „Accattone“ ab.
Via Giovan Battista Bodoni und Via Beniamino Franklin
Accattone (Franco Citti), Balilla (Mario Cipriani) und Cartagine (Roberto Scaringella) planen einen Diebstahl von Wurstwaren, während die Kamera einen Blick auf den ikonischen „Monte dei Cocci“ freigibt.
Ponte Testaccio
Auf der Flucht auf einem gestohlenen Motorrad, verfolgt von der Polizei am Lungotevere, stirbt Accattone (Franco Citti) auf tragische Weise und spricht dabei die schicksalhaften Worte „Mo’ sto bene!“ (Jetzt geht es mir gut!).
Quadraro - Cinecittà
Das Arbeiterviertel Quadraro, das zwischen der Via Tuscolana und der Via Appia Nuova liegt, war in den 1960er Jahren ein Vorort, in dem Vertriebene und arme Menschen lebten. Genau zu dieser Zeit begann in der Nähe die große Bauspekulation, die zur Entstehung neuer, weitläufiger Siedlungen und zur Ausdehnung in Richtung der Stadtteile Cinecittà und Don Bosco führte.
Largo Spartaco
„Mamma Roma“ (1962)
Sora Roma (Anna Magnani) zieht in die modernen Wohnblocks der INA-Casa im Quadraro, um ihr Leben zu ändern, das Leben auf der Straße hinter sich zu lassen und ihrem Sohn bessere Chancen zu bieten. Die beiden spazieren um den sogenannten „Boomerang“ herum, das Symbol des neuen Wohnungsbaus jener Jahre. Durch die Straßen des Viertels fahren Sora Roma und Ettore mit dem Motorrad.
Via Lucio Sestio
„Mamma Roma“ (1962)
Hier eröffnet Sora Roma (Anna Magnani) ihren Obst- und Gemüsestand: ein neuer Beruf, um dem Drama der Prostitution zu entkommen und ihrem Sohn bessere Perspektiven zu bieten.
Parco dell'Appia Antica
„Der Weichkäse“. Episode aus dem Film „Ro.Go.Pa.G.“ (1963)
Die weitläufigen Flächen des Parks mit zahlreichen Aufnahmen der Ruinen des mittelalterlichen Torre Valca (Parco della Caffarella) bilden den Hintergrund für diese Episode, in deren Mittelpunkt die Passion Christi steht.
Via Appia Antica
„Accattone“ (1961)
Stella, die zur Prostitution gezwungen wurde, weist ihren ersten Kunden zurück. Accattone, der seine Tat bereut, tröstet sie in der nächtlichen Kulisse zwischen den Denkmälern der Konsularstraße.
Studios von Cinecittà
“Medea“ (1969)
Die unvergessliche Opernsängerin Maria Callas wagt sich an ihre erste und einzige Filmrolle und schlüpft dabei in die Rolle der Braut von Jason. Einige Innenaufnahmen wurden in den Studios von Cinecittà gedreht.
„Die 120 Tage von Sodom“ (1975)
Im Studio 15 von Cinecittà drehte Pasolini einige der gewalttätigen Szenen des Films, der die Aggressivität der Macht gegenüber den Körpern und dem Gewissen der Menschen darstellt.
Römische Küste
Ostia und Fiumicino
„Gastmahl der Liebe“ (1964)
Pasolini untersucht den Stellenwert der Sexualität in der Gesellschaft jener Jahre und interviewt dazu Badegäste an den Stränden der römischen Küste.
Parco Pier Paolo Pasolini
Via dell’Idroscalo, Ostia
Der Ort, an dem der leblose Körper des Künstlers gefunden wurde, ist heute ein Park, der seinen Namen trägt. Hier steht das Denkmal zu Ehren von Pier Paolo Pasolini, ein Werk von Mario Rosati.
Das Andenken an Pasolini in Ostia
Ostia erinnert mit zwei weiteren Denkmälern an Pasolini: auf der Piazza Gasparri mit einer Stele aus weißem Marmor, einem Werk von Gaetano Gizzi, und auf der Piazza Anco Marzio mit einer Stele aus hellrotem Marmor, die Pietro Consagra zum zwanzigsten Jahrestag der Ermordung des Künstlers schuf.
Pasolini und die Street Art in den Stadtvierteln Pigneto und Tor Pignattara
„Omaggio a Pasolini“ von Mr Klevra, 2014 - Via Fanfulla da Lodi Nr. 56
Das Gesicht der jungen Frau stellt Maria aus dem Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ dar, gespielt von der damals noch sehr jungen Schauspielerin Margherita Caruso.
„L’occhio è l’unico che può accorgersi della bellezza“ von Mauro Pallotta alias Maupal, 2014 - Via Fanfulla da Lodi Nr. 41
Der Titel stammt aus einem Zitat von Pasolini und stellt ein großes Auge dar, das über dem Stadtteil Pigneto thront.
„Io so i nomi“ von Omino 71, 2014 - Via Fanfulla da Lodi Nr. 49
Das Gesicht Pasolinis wird durch eine Superheldenmaske dargestellt, um seinen Mut und seine Kühnheit zu verdeutlichen; der Titel des Werks stammt aus einem berühmten Artikel, der 1974 im „Corriere della Sera“ veröffentlicht wurde.
„Hostia“ von Nicola Verlato, 2015 - Via Galeazzo Alessi Nr. 215
Es symbolisiert den Tod Pasolinis, der 1975 in Ostia brutal ermordet wurde. Aufgrund seiner imposanten Größe, des perspektivischen Spiels und der Detailgenauigkeit wurde das Wandgemälde als „Sixtinische Kapelle von Tor Pignattara“ bezeichnet.
„Ritratto di Pierpaolo Pasolini“ von David Diavù Vecchiato - ehemaliges Kino „Impero“, Via dell’Acqua Bullicante Nr. 122
Das Werk entstand im Rahmen eines Projekts zur Neugestaltung des ehemaligen Kinos „Impero“ und besteht aus vier Porträts als Hommage an Pasolini, Monicelli, Anna Magnani sowie die Brüder Sergio und Franco Citti.
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